Selbstständig helfen.

Kaja Selig / Dr. Kristin Raimund

In der zweiten Jahreshälfte 2018 begrüßt der Landkreis Harburg seine jüngste Praxiseröffnung: In Hittfeld gehen Kaja Selig und Dr. Kristin Raimund als neue Hausärztinnen an den Start.

„Der Bedarf ist da. Vom ersten Tag an sind wir mit den Termin- und spontanen Akutpatienten ausgebucht“, stellt Kaja Selig fest, die hier in ihrem Heimatort die Gelegenheit zur Neugründung genutzt hat. „Selbstständig arbeiten als Ärztin war immer mein Ziel. Den Menschen ganzheitlich helfen, Verantwortung übernehmen, als beratende Begleitung über viele Jahre – das finde ich viel spannender als den momentanen Ausschnitt, den man in der Klinik oder in einer Spezialarztpraxis sieht.“

Diese Ansicht teilt sie mit ihrer Kollegin Dr. Kristin Raimund, mit welcher sie in der neue Hausarztpraxis in der Hittfelder Schulstraße zusammenarbeitet. Beide sind Fachärztinnen für Innere Medizin und halten es für ideal, sich aufeinander verlassen zu können und Aufgaben zu teilen. Beide haben Kinder und können Familie und Beruf so besser miteinander vereinbaren.

Für die Initiative Stadtlandpraxis, die sich der strukturellen Verbesserung der medizinischen Versorgung im Landkreis Harburg widmet, ist die Neugründung ein gutes Signal. Fachbereichsleiter Reiner Kaminski: „Wir konnten seit Gründung der Initiative den Versorgungsgrad in allen Planungsräumen zwar auf über 90 Prozent steigern. Das ist uns jedoch nicht genug, insbesondere hinsichtlich der demografischen Zusammensetzung der Praxisinhaber: Gut ein Drittel unserer Ärzte im Landkreis sind 60 Jahre und älter. Wenn wir keine Nachfolger finden, droht deren Praxen die dauerhafte Schließung.“

Kaminski strebt deshalb einen Versorgungsgrad von 100 Prozent und eine damit einhergehende Verjüngung der niedergelassenen Ärzteschaft an. Beides ist in Hittfeld mit der neuen internistischen Hausarztpraxis von Kaja Selig und Dr. Kristin Raimund bestens gelungen. In der Praxis können Patienten auch mit umfangreichen diagnostischen Möglichkeiten in Hittfeld zukünftig grundversorgt werden. Ergänzend gibt es mit Akupunktur und Kampo Medizin (japanischen Heilkräutertherapie) fernöstliche Medizinkonzepte als alternative Therapieoptionen. Von dieser umfassenden und kompletten hausärztlichen Versorgung auf modernstem Niveau dürfte die gesamte Region profitieren.

Kaja Selig, Dr. Kristin Raimund

Wider den Zeitgeist

Lutz Ruetter

Dr. Lutz Rütter

Alle wollen in die Stadt. In die Metropolen Berlin, München, Hamburg. Ärzte, insbesondere Allgemeinmediziner, machen da keine Ausnahme. Sie vom Landarztleben zu überzeugen ist Kernaufgabe der Initiative stadtlandpraxis, und bei Dr. Lutz Rütter ist es ihr gelungen.

Mit einem Mix aus Weiterbildungs- und Qualifizierungsangeboten, Stellenvermittlung und Praxisbörse eröffnet die Initiative jungen Medizinern und insbesondere Frauen und Familien interessante Alternativen zur Stadt. Rütter wurde über unsere Webseite angesprochen und fand den Weg aus der Schweiz in den Landkreis Harburg. Er war zunächst als Weiterbildungsassistent an der psychiatrischen Klinik Lüneburg beschäftigt und konnte anschließend erfolgreich in eine Winsener Praxis einsteigen.

Mit seiner Ehefrau Sara, die ebenfalls Medizinerin und aktuell Weiterbildungsassistentin in Salzhausen ist, hat Rütter zwei Kinder. Gerade der Mix aus familiärem Umfeld und einer kinderfreundlichen Stadt zusammen mit guter medizinischer Versorgung, Fachärzten und Krankenhaus, reizte die Familie. Auch konnte Rütter sein Hobby weiterleben, gründete einen Basketballverein und freut sich als Trainer über ein großes Zuschauerinteresse bei den Heimspielen.

Reiner Kaminski, Leiter der kreisweiten Initiative zur Rekrutierung junger Ärzte, freut sich über diese Erfolgsgeschichte und macht mit dem Argument der guten Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit allerbeste Werbung für den Standort.

Nachfolger gefunden!

Benjamin Panteli

Oft sucht der etablierte Hausarzt vergeblich einen Nachfolger für seine Praxis – ein Negativ-Trend, dem sich die Initiative „stadtlandpraxis“ im Landkreis Harburg entgegenstellt. Mit Erfolg konnte auch die Praxis für Allgemeinmedizin von Dr. Jachczik in Salzhausen erhalten werden.

Die Nachfolgeregelung mit Dr. Benjamin Panteli ist für alle eine Win-Win-Situation, besonders für die Patienten der 16.000 Einwohner-Gemeinde. Mit dem Fortbestand der alteingeführten Landarztpraxis sowie vier weiteren Praxen vor Ort ist nun mittelfristig deren medizinische Versorgung sichergestellt.

Unterversorgung ist bundesweit eine akute Bedrohung des bestehenden Gesundheitssystems, eröffnet aber auch Chancen für den medizinischen Nachwuchs, zum Beispiel mit einer eigenen Praxis, wie das Salzhausener Beispiel zeigt.

Benjamin Panteli teilt als Facharzt für Allgemeinmedizin die Ansicht seines Vorgängers, dass man als betreuender Hausarzt eine besondere Verantwortung trägt: „Man kennt sich und ist verbunden mit den Menschen. Und das wunderbare an unserem Beruf ist, dass wir Lösungen und Ergebnisse sehen, direkt. Keine Ausschnitte, wie in den Fachpraxen, sondern den Patienten als Ganzes, oft in seinem jahrelangen Lebensumfeld.“ Und Vorgänger Dr. Jachczik ergänzt: „Helfen können wird in einem komplexer werdenden Gesundheits- und Medizinbetrieb immer wichtiger. Heute ist der Allgemeinmediziner auch Lotse für seine Patienten. Diese begleitende Verantwortung kennt man in Spezialpraxen oder Krankenhäusern nicht.“

Wie man weitere neue Kollegen ins „StadtLand“ bekommt, weiß der Leiter von stadtlandpraxis, Reiner Kaminski: „Wir betonen unsere Stärken und vermitteln das Beste aus zwei Welten: Familienfreundlichkeit, eine vorbildliche Schullandschaft, gute Einkaufsmöglichkeiten und vielfältige Kultur- und Freizeitangebote – das ist Lebensqualität abseits des Praxisalltags.“

Panteli Jachczik

Patienten mit Gesicht

Dorothee Depta

Der Start in den Beruf ist nicht immer leicht. Junge Mediziner bilden hier keine Ausnahme, obwohl sie schon im Studium kräftig umworben werden, meist von großen Klinikkonzernen. Doch nach der vorgeschriebenen stationären Praxis im Krankenhaus ist der Einstieg als Weiterbildungsassistent in eine ambulante Praxis schwierig. Mit Unterstützung von stadtlandpraxis ist es aber Dorothee Depta problemlos gelungen.

Die 31jährige Mutter von zwei kleinen Kindern arbeitet seit 2013 als Assistenzärztin halbtags in der Tostedter Hausarztpraxis von Jörg Fischer und Lilli Blaut. Nach zwei Jahren in einer hannoverschen Klinik setzt sie hier ihre Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin fort. „Die große Bandbreite der Patienten von jung bis alt finde ich in dieser Hausarztpraxis besonders attraktiv“, sagt Dorothee Depta.

Als Vermittler diente die kommunale Initiative stadtlandpraxis, die auch für bereits niedergelassene Ärzte eine wichtige Rolle übernommen hat: „Geeignete Assistenzärzte für die eigene Praxis zu finden, das ist für den niedergelassenen Arzt in ländlichen Regionen heute sehr schwierig geworden“, räumt Jörg Fischer ein, obwohl der Trend bei jungen Medizinern immer mehr in Richtung Anstellung geht. Gerade junge Frauen und Familien schätzen die Sicherheit und Flexibilität dieses Arbeitsmodells. „Ich kann hier sehr viel lernen, weil wir erstmal fast jede Erkrankung selbst diagnostizieren und behandeln und die Patienten nicht gleich zum Facharzt überweisen“, sagt Dorothee Depta. „Durch die Großstadtnähe haben wir hier gute Bedingungen für eine optimale medizinische Versorgung unserer Patienten“, ergänzt Hausarzt Fischer. „Und durch die ländliche Struktur kennen wir unsere Patienten sehr gut und können sie ganzheitlich betreuen.“ Die Landärztin kennt noch die Gesichter aller Patienten und nicht nur deren Krankenakte.

Jung. Weiblich. Landärztin.

Andrea Wenske

Andrea Wenske ist Ärztin aus Leidenschaft und zweifache Mutter. Als Fachärztin für Innere Medizin war sie lange in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses in Teilzeit beschäftigt. Aber Überstunden, Schichtbetrieb und Wochenendarbeit machen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Ärztinnen im Krankenhausbetrieb denkbar schwierig.

„Die Arbeit in der Klinik ist oft nicht planbar und wenn ein Notfall reinkommt, kann ich ja nicht einfach gehen, um beispielsweise die Kinder von der Schule abzuholen. Als langfristige Perspektive war das also wenig geeignet“, sagt Andrea Wenske. Ihre Alternative: Die eigene Praxis auf dem Land. Kürzere Wege, flexiblere Arbeitszeiten.

Mit Hilfe von stadtlandpraxis hat sie dann den Schritt gewagt, trotz wirtschaftlicher Risiken und bürokratischen Aufwands. Mit ihrem Einstieg in eine hausärztliche Internistenpraxis in Winsen war es ihr fortan möglich, den eigenen Anspruch an eine ganzheitliche Patientenversorgung im Tagesgeschäft zu realisieren: „Mit mehr Zeit und mehr Ruhe.“

„Gerade Medizinerinnen haben gute Perspektiven auf dem Land“, kommentiert Reiner Kaminski, Leiter der Initiative stadtlandpraxis, die sich gegen eine drohende ärztliche Unterversorgung engagiert. „In einer Praxiskooperation oder gar als eigener Chef einer Praxis gibt es flexible Arbeitszeiten und auch die Wochenend- oder Feiertagsarbeit entfällt. Ein ideales Operationsgebiet für Ärztinnen mit Kindern“.

Andrea Wenske